
Wir leben in einer Welt, die überfüllt ist von Lärm. Ein gegenseitiges Überbieten von sehr oft völlig belanglosen Informationen. Ein Wettbewerb, die Aufmerksamkeit von bestimmten Personengruppen oder der ganzen Öffentlichkeit zu bekommen. Die Tendenz der Selbstdarstellung ist in vielen Posts unübersehbar. Die Informationen, die auf den konsumierenden Menschen eingehen, sind meist chaotisch.
Buckminster Fuller, der visionäre Architekt, Erfinder und Futurist, schätzt dass je nach Anwendungsfeld sich das Wissen der Menschheit derzeit innerhalb von weniger als einem halben Jahr verdoppelt.[i] Manche Schätzungen liegen sogar noch weiter darunter.[ii] Dieser Prozess wird durch die globale Verfügbarkeit des Internets, mobile Computer und vor allen Dingen durch künstliche Intelligenz, Datengenerierung und Analyse exponentiell angetrieben.
Auf der einen Seite steigt das Wissen der Menschheit exponentiell an. Die Künstliche Intelligenz (Artificial Intelligence) beschleunigt z.B. Rechercheprozesse deutlich. Aber welches Wissen – etwa Methodik, Vorgehensweisen – benötigen wir, um unseren Beitrag zur künftigen Wertschöpfung mit unseren Talenten einbringen zu können und zu wollen?
Wird dieses Wissen möglicherweise zunehmend komplexer und abstrakter? Wird es vielleicht immer wichtiger, wie wir Lernen, so dass wir lernen wollen, wie man am wirksamsten und effizientesten gezielt das lernen kann, was einem selbst den größten Wert, die größte Zufriedenheit bringt?
Auf der anderen Seite werden immer mehr oberflächliche, banale Informationen, belanglose Dinge kommuniziert und konsumiert. Was meine ich damit? Oberflächliche Informationen sind unspezifisch, sie sind meist nicht für das eigene Lernen oder die tief gehende Unterhaltung nutzbar. Wenn ich eine Meldung sehe, dass ein Rockstar etwas Negatives gemacht hat, dann kann ich mich entsetzt fühlen. Aber wenn ich ein Anleitungs-Video sehe, wie ich die Gitarren-Riffs des besten Songs dieses Rockstars nachspielen kann, dann nehme ich das für mich mit. Wenn ein sogenannter Star einer Reality Show etwas Entsetzliches gesagt hat, mag das für Lärm sorgen, ist aber belanglos. Wenn dieser Star aber erklärt, wie sie aus ihrem Verhalten gelernt und sich verbessert hat, kann man daraus vielleicht etwas lernen. Es ist spezifisch, genau, anwendbar.

Die Produktion und Verbreitung der oberflächlichen und banalen Informationen wird u.a. unterstützt durch die Künstliche Intelligenz. Diese ermöglicht (noch mehr) die massenhafte Erstellung und Verbreitung von Clips, Posts, Songs, Nachrichten, Kunst und vieler anderer Inhalte durch viele Produzenten. Oft mit dem einfachen Ziel, möglichst viele Impressions, Clicks oder Likes zu bekommen.
Und diese wiederum erreicht man in einer Welt, die belanglose Beiträge als Ausgleich zum „stressigen Alltag“ sieht, vor allem durch das Erzeugen, das „Triggern“ von Emotionen. Auch dann, wenn die Substanz fehlt.
Verlieren wir uns im Brei der Belanglosigkeit, weil wir den Anschluss zu verlieren glauben, weil wir uns überlastet fühlen und als Ausgleich einfaches Entertainment zu brauchen glauben? Wie passen diese Dinge zusammen? Darüber kann man trefflich streiten. Dazu erst kurz ein Einblick in den Fachbegriff „Flow“ und dann meine Hypothese.
Der 2021 verstorbene, große Psychologe und Professor für Psychologie an der Chicago University, Mihaly Csikszentmihalyi, hat mich schon früh mit seinem bahnbrechenden Werk „Flow“ begeistert und beeinflusst. Eine seiner Kernaussagen ist, dass der Grundzustand unseres Gehirns das Chaos ist. Erst durch die Fähigkeit, dieses Chaos zu strukturieren und zu ordnen, kommen wir zu konstruktiven und produktiven Gedanken, die uns Freude und Glück bereiten können. Freude im Unterschied zum Vergnügen ist tief gehend. Bezogen auf die Arbeit bedeutet es, dass der Mensch in etwas ver-tieft ist. So stark vertieft, dass um ihn herum die Zeit still zu stehen scheint. Man ist im Tunnel, im so genannten „Flow“. Ein Zustand, den der Autor als ruhig, ernsthaft und konzentriert beschreibt.[iii]
Meine Hypothese ist nun, dass die Schere zwischen einerseits Menschen, die in ihren Flow kommen wollen, die mehr über „ihr“ Thema wissen und anwenden wollen – und andererseits Menschen, bei denen dies nicht so ist, immer weiter auseinandergeht. Ob die Menschen jeweils mit dieser Entwicklung für sich selbst glücklich sind, hängt nach meiner Erfahrung u.a. stark mit ihren Werten und ihrer Haltung zusammen. Wie komme ich auf diese Hypothese und was folgt für mich daraus?
In einem meiner vorherigen Artikel bin ich auf das Thema Mensch, Arbeit und neue Technologien eingegangen. Jahrzehnte alt, doch heute aktueller denn je. Seit knapp 30 Jahren begleite ich Organisationen und Menschen dabei, Veränderungen zu ihrem eigenen Besten für sich zu nutzen.
Dies setzt natürlich voraus, dass neue Technologien, Prozesse, Strukturen und Wissen, vor allem fachliche und organisatorische Dinge, vorausschauend, proaktiv, nicht nur angenommen, sondern aufgenommen, geübt und angewendet werden. Im US-Amerikanischen hat sich dafür der Begriff „embrace“ eingebürgert, was wörtlich „umarmen“ bedeutet. Ich umarme sozusagen das Neue, dass Andere, vielleicht auch manchmal das Zusätzliche.
In jedem Teil unseres Lebens erleben wir die beschriebene, zunehmende Flut von Informationen und Kommunikation. Nicht nur, weil die Informations-Kanäle diese Masse heute erst technisch ermöglichen. Sondern auch, weil die Vermittlung von Informationen und unsere eigene Kommunikation häufig zu oberflächlich und zu viel ist: zu viel Banales, zu wenig mit Substanz. Wir haben bekanntlich schon unseren Informationsfilter, um die Millionen von Informationen, die auf das Gehirn täglich einströmen[iv] rigoros zu sortieren -sonst könnten wir noch nicht einmal über eine Ampel gehen, ohne überfahren zu werden.
Aber mit der exponentiell steigenden Informations- und Kommunikationsflut wird dieser Filter immer mehr beansprucht. Und er wird durch unser Verhalten noch weiter unter Druck gesetzt. Ich sage in Seminaren z.B. immer wieder, macht in den Pausen etwas anderes als in Eurem Berufsalltag. Wenn etwa ein Feuerwehrmann, ein Bauarbeiter oder ein LKW-Fahrer in seinen Pausen auf dem Handy scrollt, dann ist es für ihn eine Abwechslung. Wenn ein Callcenter Mitarbeiter oder Teamleiter, der täglich 8 Stunden am Bildschirm verbringt, dies tut, ist es keine Pause mehr. Es ist eine Belastung, eine Mehrbelastung. Das Gleiche gilt für Telefonate bei Menschen, die beruflich telefonieren oder langen Autofahrten bei Menschen, die beruflich fahren.
Wir haben in unserem sozialen Verhalten oft verlernt, diese Pausen auch in Anspruch zu nehmen. Damit meine ich auch den privaten Teil unseres Lebens. Sobald wir in der U-Bahn sitzen, schauen wir auf unser Handy und scrollen, was es Neues gibt. Sobald unser Gegenüber im Restaurant zur Toilette geht, sind wir im Netz. Warum sage ich soziales Verhalten und nicht kommunikatives Verhalten? Weil wir oft die Pausen nicht aushalten, wenn andere Menschen um uns herum sind. Weil wir nicht in die Augen der anderen Fahrgäste schauen wollen. Weil wir dem (An)Blick oder dem Kontakt ausweichen, weil wir oft für uns sein wollen, weil wir überfordert sind von zu vielen Menschen um uns herum oder zu viel Lärm. Und was konsumieren wir dann?
Belanglose Informationen, oberflächliche Stories. Oder Informationen, die uns Angst machen oder uns Sorgen machen. Angst ist unspezifisch und macht Sorgen. Furcht ist konkret auf eine drohende Gefahr bezogen und ich kann mit ihr umgehen.
Wir beschweren uns häufig über Stress. Über den so genannten Distress, oft als negativ empfunden, in dem sich eine Person nicht vollständig an Stressfaktoren und den daraus resultierenden Stress anpassen kann und schlecht adaptiertes Verhalten zeigt.[v] Wir fühlen uns ausgepowert, ausgelaugt. Nicht nur im Beruf, sondern auch privat. Wir beklagen uns darüber, dass wir zu viel arbeiten. Wir wollen mehr Zeit für uns. Und wir beklagen uns darüber, dass wir zu intensiv arbeiten, unter zu hohem Druck. Wir brauchen Zeit. Zeit zur Erholung. Doch was machen wir mit unserer Zeit?

In einer Studie wurde 2024 festgestellt, dass die durchschnittliche tägliche Fernsehdauer in Deutschland bei 176 Minuten liegt. 3 Stunden. 3 Stunden von einem Tag, der abzüglich Arbeit und Schlaf vielleicht 8 Stunden hat – das sind 37,5%. Jetzt kann man argumentieren, dass der Fernsehkonsum abnimmt, was in der Tat der Fall ist, er ist seit 2021 leicht zurückgegangen.[vi] Doch was machen wir stattdessen? Nach einer Bitcom Studie ist die tägliche Smartphone Nutzung durchschnittlich in 2025 auf 155 Minuten gestiegen. Das sind im Vergleich zum TV nur etwa 32 % unserer Wach-Freizeit. Bei den 16 bis 29-jährigen sind es sogar 3,5 Stunden pro Tag.[vii]
Was macht das mit uns? Wir stecken in einem Paradox. Nach einer Studie der Unternehmensberatung Deloitte von 2024 nimmt die Hälfte der Befragten ihre intensive Smartphone-Nutzung als Belastung vor, klagt sogar häufig über Beschwerden wie etwa Augen- oder Kopfschmerzen. Und das betrifft bei weitem nicht nur die jüngeren Altersgruppen. Auch die Gruppen der 35- bis 44-Jährigen und der 45- bis 54-Jährigen schätzen zu 74 % bzw. 60 % ihre eigene Nutzung als zu hoch ein. Gleichzeitig schätzt fast die Hälfte der Befragten, dass der eigene Smartphone Konsum im vergangenen Jahr noch weiter gestiegen ist. Ein entscheidender Treiber ist die künstliche Intelligenz (KI).[viii]
Fast drei Viertel der Nutzer aus der genannten Bitcom Studie setzen bereits KI-gestützte Funktionen auf ihren Geräten ein. Allein die Hälfte achtet beim Smartphone Neukauf auf KI- Tools, um Bilder zu bearbeiten.[ix] Es geht hier nicht darum, die künstliche Intelligenz in diesem Zusammenhang zu verteufeln. Im Gegenteil. Es geht darum, wie wir mit neuer Technologie umgehen. Wie wir sie produktiv für uns nutzen können.
All diese Studien widmen sich v.a. den quantitativen Aspekten des Umgangs mit den neuen Technologien, also, wieviel Zeit wir mit den Geräten verbringen. Zeit, die uns dann für andere Dinge fehlt. Nicht nur in unserer Freizeit, sondern auch im Beruf. Ein persönliches Gespräch mit einem Kollegen oder einer Kollegin kann häufig ein besseres Verständnis eines Sachzusammenhangs geben als die KI-Recherche in den Unternehmenssystemen. Warum? Weil sie auch subjektive Bewertungen und damit verbundene Emotionen enthält. Weil sie diesen Kontext bietet.
Doch wenn wir auch den qualitativen Aspekten Beachtung schenken, dann stellt sich die Frage, wofür wir die Zeit vor dem Fernseher und am Smartphone nutzen.
Hier muss man deutlich unterscheiden, und der Zusammenhang ist subjektiv: wenn ich im Wartezimmer beim Arzt sitze und in der Zeit Dinge recherchiere, die mich beruflich weiter bringen, ist das auch Smartphone-Zeit bzw. Tablet-Zeit. Doch wenn man sich anschaut, wie jemand falsch einparkt und ein anderes Fahrzeug beschädigt und alle darüber lachen, dann mögen das manche Leute als unterhaltsam bezeichnen. Eines ist es jedoch mit Sicherheit: es ist oberflächlich, und es bietet kein Mehrwert. Nebenbei: Wenn man es als Unterhaltung bezeichnet, stellt sich die Frage: wie möchte ich unterhalten werden? Was bedeutet für mich gute Unterhaltung?
Fazit: Wir wollen den Anteil der Zeit verringern, den wir vor dem Fernseher oder am Smartphone verbringen. Aber wir schaffen es offenbar nicht. Oder zumindest nicht so weit, wie wir gerne möchten. Wir nehmen uns Dinge vor – wenn überhaupt. Und setzen Sie dann nicht um. Wir haben kein Erkenntnisproblem, wir haben ein Umsetzungsproblem.
Mihaly Csikszentmihalyi macht, wie gesagt, eine deutliche Unterscheidung zwischen Vergnügen und Freude. Und hier liegt nach meiner Auffassung ein entscheidender Punkt: Wenn sich das Wissen der Menschheit in weniger als einem Jahr verdoppelt und die wachsende künstliche Intelligenz diese Dynamik noch deutlich verschärfen wird, dann wird das einen großen Einfluss auf meinen persönlichen und beruflichen Wirkungsbereich haben, ganz egal, was ich mache. Damit gewinnt das viel zitierte lebenslange Lernen nochmals immens an Bedeutung. Lernen muss nicht langweilig oder belastend sein. Lernen kann auch spielerisch erfolgen. Die Herausforderung des Lernens kann den Menschen in den Flow Zustand bringen – also in den Zustand, in dem man Freude, manchmal sogar ein bisschen Glück empfindet. Die berühmt gewordene Fähigkeit, wirksam lernen zu können, wie man lernt, kommt hier wieder zum Tragen.

Wie können wir also das wissen, was wir benötigen, um in Zukunft in all unseren Lebensbereichen Freude empfinden zu können, in den Tunnel zu kommen, in unserem Tun aufzugehen? Wie können wir dieses Wissen in einer anregenden, ja motivierenden und bereichernden Art aufnehmen? Und: Wie können wir es schaffen, uns vom Konsum belangloser und oberflächliche Informationen etwas zu lösen und die gleiche Zeit dafür zu verwenden, das tiefe, spezifische, bereichernde Wissen aufzubauen, mit dem wir in unseren Flow kommen können?
Und wie können wir einen Teil der Zeit, den wir den digitalen Medien widmen, wieder dafür nutzen, Verbindungen zu anderen Menschen aufzubauen? Der bewusste Blickkontakt zu einem anderen Fahrgast in der U-Bahn, das Anbieten von Hilfe und ein kleines Lächeln, wenn jemandem etwas heruntergefallen ist.
Gemeinsam etwas zu kochen oder ins Restaurant zu gehen, statt zur Lieblingsserie den Lieferdienst zu bestellen.
Anmerkung: Es gibt einen sehr großen und bedeutsamen Block, der für die meisten von uns, die in anspruchsvollen Fach- oder in Führungsrollen sind, unter hohen Druck setzen kann oder dies tatsächlich bereits tut. Auf diese Zusammenhänge möchte ich in den nächsten Artikeln weiter eingehen.
Hier nun meine 10 Tipps für Fach- und Führungskräfte angesichts meiner genannten Hypothese:
- Beginnen Sie den Tag, indem Sie das natürliche Chaos im Kopf ordnen. Halten Sie inne, gehen Sie in die Stille und machen Sie sich klar, welche Prioritäten Sie angehen. Und dann halten Sie sich daran und lassen Sie sich nicht ablenken.
- Setzen Sie Ihre TV- und Smartphone-Zeit für Themen und Inhalte ein, die Sie spezifisch für Ihre Ziele und Aktivitäten anwenden und nutzen können. Nutzen Sie Ihre Zeit proaktiv und vorausschauend, handeln Sie mit Absicht.
- Hinterfragen Sie, wie Sie ihre zur Erholung und für private Erledigungen bestimmte Freizeit nutzen – und helfen Sie anderen Menschen, dies auch für sich zu tun
- Achten Sie darauf, dass Sie und Ihre Mitarbeiter sich in den Pausen erholen – durch „andere“ Dinge als Ihre Arbeit.
- Nutzen Sie die Zeit „unter Menschen“, um auch bewusst „unter Menschen“ zu sein
- Unterstützen Sie andere und sich selbst beim wieder Erlernen des Fokussierens und des proaktiven Handelns mit Absicht – statt sich von der Flut an Informationen und Kommunikation überwältigen zu lassen.
- Lernen Sie Techniken des Umgangs mit der zunehmenden Informationsflut, mit der Filterung des für Sie Nützlichen und Freude bringenden – und auch für Ihre Mitarbeiter.
- Lernen Sie Techniken, wie Sie und Ihre Mitarbeiter wirksam und mit angemessenem Aufwand das Lernen können, was Sie für unsere KI-gestützte Welt in Ihrem Umfeld und Beruf benötigen und möchten.
- Beobachten Sie an sich und anderen, welche Informationen Sie durch welche Medien mit welcher Haltung aufnehmen und verarbeiten. Inwiefern sind die Informationen in Ihrem Kontext anwendbar bzw. regen sie Sie zu neuen, produktiven Gedanken an? Inwiefern kontrollieren Sie, wie Sie welche Informationen konsumieren? Ist es eher eine aktive Suche und Selektion oder nur passives Scrollen?
- Kommen Sie in Ihren Flow und erfreuen Sie sich an dem, was Sie tun. Mehr dazu in weiteren Artikeln.
Warum soll uns das als Fach- oder Führungskräften, als Menschen heute nicht gelingen? Was meinen Sie / Was meinst Du? Ich bin gespannt auf Ihre / Deine Meinung!
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